Beobachter: Der Witwe des Ex-Mannes eben nicht gleichgestellt

Der Beobachter brachte im Jahr 2007 (Ausgabe 13) einen kurzen Artikel mit dem Titel („Unterhalts­zahlungen – Witwenrente für Geschiedene?“, Text von Hansjürg Reber) in dem er die Frage einer geschiedenen Frau beantwortete, die wissen wollte, ob sie trotz 12 Jahre Ehe nach dem Tod des Ex-Mannes leer aus­gehen werde und nur seine aktuelle Gattin eine Witwenrente erhalten wer­de.

Der Beobachter antwortete unter anderem:

Massgebend ist das Scheidungsurteil. Wurden Ihnen darin lebens­längliche Unterhaltszahlungen zugesichert, sind Sie der Witwe Ihres Exmanns gleichgestellt, da Sie die zweite Bedingung ebenfalls erfül­len: Die Ehe mit Ihrem Exmann dauerte mehr als zehn Jahre. Somit ist die Pensionskasse Ihres Exmanns zur Auszahlung einer Witwen­rente verpflichtet.

Leider ist das so nicht korrekt. Die Geschiedene Frau ist eben bei der Höhe der Rente der Witwe des Ex-Mannes nicht gleichgestellt. Der Beobachter bezog sich wohl auf den Artikel 20 BVV 2. Dieser gilt aber nur für den kleinen BVG-Teil des Pensionskassenkapitals.

Das BVG gilt in der weitergehenden Vorsorge nicht. Die Pensions­kassen sind nur verpflichtet, eine minimale Rente nach BVG zu zahlen, bei der die vor 1.1.1985 einbezahlten Pensions­kassen­beiträge beim Mann ignoriert werden. Daraus resultiert oft nur eine Witwenrente von typischerweise wenigen hundert Franken, von der man zusammen mit der AHV nicht leben kann (mehr dazu in „Rentenfalle nach dem Tod des Ex-Mannes„).

Selbst die Pensionskassen, die mehr als nur das BVG-Minimum zahlen, ziehen dann eventuell die eigene AHV-Altersrente der Frau ab. Das dürfen sie in der weitergehenden Vorsorge, weil eben nur das gesetzliche Minimum garantiert ist und die Pensi­ons­kassen in der weitergehenden Vorsorge beliebige, vom Gesetz abweichende Regeln aufstellen dürfen. Bezahlt wird dann entweder die Rente nach Regle­ment, oder das Minimum nach BVG – je nachdem was grösser ist (sogenanntes „Anrechnungs-“ oder „Ver­gleichs­prinzip“, siehe Artikel „Das ver­steckte Minimum„).

Ein Laie versteht unter „der Witwe Ihres Ex-Manns gleichgestellt“ ganz klar, dass die geschiedene Frau in diesem Fall die gleiche Rente erhält wie die Witwe des Ex-Mannes und zumindest weiterhin den Unterhaltsbetrag gemäss Scheidungs­urteil erhält. Leider ist das eben nicht so.

Lücken im BVG-Kapital kann es auch bei jüngeren Versicherten geben. Man denke nur an Erwerbs­unterbrüche oder Arbeitnehmer, die vielleicht erst im Alter von z.B. 40 Jahren in die Schweiz kommen. Bei diesen fehlt ein grosser Teil der Beitragszeit nach BVG, sie haben ein erhebliches Manko beim BVG-Teil. Dieses kann, falls Vermögen vorhanden ist, im über­obligatorischen Teil durch freiwillige Pensions­kassen-Kapital-Einkäufe eventuell kompensiert werden, der Schaden im BVG-Kapital wird damit aber nicht korrigiert.

Nachtrag 2.12.2011: Der Beobachter hat in der Zwischenzeit reagiert und den Artikel im Online-Archiv etwas entschärft, indem er den Text „Es kann allerdings gut sein, dass Sie im Vergleich zur aktuellen Ehefrau eine tiefere Witwenrente erhalten würden, nämlich diejenige, die als gesetzliches Minimum vorgesehen ist.“ eingefügt hat.