Die Migros-Pensionskasse setzt die ge­schie­de­nen Wit­wen neu auf das BVG-Minimum

Grossmütterrevolution der etwas anderen Art: Die Delegierten der Migros-Pensionskasse haben auf den 1.1.2012 ein geän­dertes Reglement in Kraft gesetzt, das neu die ge­schie­de­nen Wit­wen auf die Minimal­rente nach BVG herabsetzt.

Bereits laufende Witwenrenten sind nicht betroffen, aber wurde eine Ehe nach der Pen­sio­nie­rung ge­schie­den und erhielt die Frau als Ersatz für den Vorsorge­ausgleich im Schei­dungs­ur­teil eine le­bens­läng­li­che Unterhalts­rente, dann wird es ihr nichts nützen, dass im bis 31.12.2011 gültigen Re­gle­ment das Leistungs­maximum für die geschiedenen Witwen noch aus dem gesamten Pensions­kas­sen­kapital berechnet wurde. Stirbt ihr Ex-Mann nun am 1.1.2012 oder später, wird die geschie­dene Witwe nur noch eine Minimalrente nach BVG erhalten, bei der die vor 1.1.1985 (In­kraft­set­zung BVG) einbezahlten Pensions­kassen­bei­träge nun ignoriert werden.

Wurde der Mann zum Beispiel im Jahr 2000 pensioniert und dann bei der Schei­dung die Altersrente des Mannes von Fr. 3’000 pro Monat hälftig geteilt, wird die Ex-Frau, wenn der Mann am 1.1.2012 oder später stirbt, anstatt Fr. 1’500 Un­ter­halt nur noch eine BVG-Mini­mal­ren­te von höchstens Fr. 529.55 monatlich erhal­ten (maximal mögliche Witwenrente nach BVG für einen Mann, der im Jahr 2000 pensioniert wurde und keine BVG-Beitragslücken hat). Bei Lücken im obligatorischen BVG-Kapital sieht es noch übler aus für die Ex-Frau: Die vor- und über­ob­li­ga­to­ri­schen Bei­träge werden auch nicht zur Deckung von Lücken im BVG-Kapital herangezogen. Total haarsträubend ist es, wenn z.B. die Frau ihrem Mann während der Ehe noch einen freiwilligen Pensionskasseneinkauf finan­zieren half. Frei­wil­li­ge PK-Einkäufe gehen nicht in das obligatorische BVG-Kapital.

Wäre der gleiche Mann vor dem 1.1.2012 gestorben, hätte die Migros-Pensions­kasse Fr. 1’500 pro Monat gezahlt.

Vielleicht haben die Ehegatten anlässlich der Scheidung das sogar von einem Sachkundigen über­prü­fen lassen, und die Frau hat dann in die Scheidung so eingewilligt, im Glauben, der Ver­sor­ger­scha­den werde ihr ersetzt, wenn der Mann nach der Scheidung stirbt. Das gilt nun nicht mehr.

Leider haben diese Frauen die Rechnung ohne die Delegierten der Migros-Pensionskasse ge­macht. Diese haben nun anders entschieden. Die Männer können nun auch bei dieser Kasse die Frauen um einen grossen Teil ihrer Alters­vor­sorge prellen, indem sie mit der Schei­dung bis nach der Pensionierung warten.

Der relevante Artikel im alten (bis 31.12.2011) gültigen Reglement:

Art. 35 Anspruch hinterlassener geschiedener Frauen

1 Hinterlässt der Versicherte eine geschiedene Frau, mit der er während mindestens 10 Jahren verheiratet war und welcher laut Scheidungs­urteil eine lebens­läng­li­che Rente oder eine Kapital­abfindung für eine lebens­längliche Rente zugesprochen wurde, so hat sie den gleichen Leistungs­anspruch wie eine Witwe.

2 Die Leistungen der Kasse werden um jenen Betrag gekürzt, um den sie zusammen mit den Leistungen der übrigen Versicherungen den Anspruch aus dem Scheidungs­urteil über­stei­gen. Anrechenbar sind insbesondere die Leistungen der AHV und IV, einer Unfall­ver­si­che­rung oder der Militär­ver­si­che­rung, nicht aber die von der geschiedenen Frau selbst er­wor­be­nen Alters­leistungen.

Die Entsprechung im ab 1.1.2012 gültigen Reglement:

Art. 38 Anspruch hinterlassener geschiedener Ehegatten

1 Hinterlässt die versicherte Person einen geschiedenen Eheg­atten, mit dem sie während mindestens zehn Jahren verheiratet war und welchem laut Scheidung­surteil eine lebens­läng­liche Ren­te oder eine Kapital­abfindung für eine lebens­längliche Rente zugesprochen wur­de, so hat er Anspruch auf die obligatorischen BVG-Mindest­leistungen.

2 Die Leistungen der MPK werden um jenen Betrag gekürzt, um den sie zusammen mit den Leis­tungen der übrigen Ver­si­che­rungen den Anspruch aus dem Scheidung­surteil über­stei­gen. Anrechenbar sind insbesondere die Leis­tungen der AHV und der IV, einer Unfall­ver­sich­erung oder der Militärversicherung, nicht aber die vom ge­schie­de­nen Ehegatten selbst er­wor­benen Alters­leistungen.

3 Die Auszahlung einer Rente des geschiedenen Ehegatten hat keinerlei Einfluss auf die An­sprü­che des über­lebenden Ehe­gatten oder des überlebenden Lebens­partners der ver­stor­benen ver­sicherten Person.

Absatz 3 ist übrigens rein juristisch absolut überflüssig (liesse man ihn weg, würde sich nichts än­dern), zeigt jedoch klar, wie die Prioritäten gedacht sind: Die pensionierten Männer können so auch nach der Pensionierung ihre bis­herige, dann uner­wünschte Gattin, ohne Renten­einbusse bequem durch eine neue ersetzen. Diese erhält dann – wenn sie älter als 45 ist – sogar unmittelbar nach der Heirat die volle Witwenrente, finanziert auch aus dem Ka­pi­tal, das der ersten Frau bei der Schei­dung vorenthalten wurde. Wäre kurz vor der Pen­sio­nierung geschie­den worden, hätte die zweite Frau beim Ableben ihres Gatten in obigem Bei­spiel nur die halbe Witwen­rente gehabt.

Die Übergangsbestimmungen:

Art. 60 Anwendbare Reglemente

1 Für Versicherte, die am 1. Januar 2012 in einem Arbeits­verhältnis mit einem Unter­neh­men stehen, gelten die Bestimmungen dieses Reglements.

2 Für Versicherte, die bis zum 31. Dezember 2011 aus dem Dienst eines Un­ter­neh­mens aus­ge­schie­den sind, sowie für ihre anspruchs­berechtigten Angehörigen findet bezüglich der finanziellen Rechte und Pflichten das im Zeitpunkt des Leistungs­falls geltende Regle­ment Anwendung.

3 In Abweichung von Abs. 2 hiervor gelten die Bestimmungen des ab 1. Januar 2012 gel­ten­den Reglements für
– die Überentschädigung (Art. 20)
– anwartschaftliche Leistungen aus am 1. Januar 2012 bereits laufenden Renten.

Nicht gerade ein weihnachtliches Geschenk, das die Migros hier den geschie­denen Frauen macht. Wie war das gleich nochmal mit den sozialen Werten bei Adele und Gottlieb Duttweiler?

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