Warum gehen die Leute nicht zur Vorsorge?

Wer selber schon einen geliebten Menschen wegen Darmkrebs verloren hat, wird sich sicherlich die Frage stellen: Warum gehen so wenig Leute zur Darmkrebs-Vorsorge?

In der Schweiz gehen gemäss Schätzungen von Experten nach wie vor ungefähr 80% der über 50-Jährigen nicht zur Darmspiegelung. In Deutschland ist es schon etwas besser, aber auch noch nicht berauschend. Spitzenreiter sind die USA, dort beteiligen sich über 60% der Leute an Darmkrebs-Screening-Programmen. Darmkrebs wird dort auch prominent in den Medien thematisiert, während das Thema von den Medien hierzulande äusserst stiefmütterlich behandelt wird.

Die Darmspiegelung hat hierzulande und auch in Deutschland einen schweren Stand. Dies völlig zu Unrecht. Viele Vorbehalte rühren auch von anderen Vorsorge-Untersuchungen her. Dabei ist die Faktenlage beim Darmkrebs eine ganz andere, als zum Beispiel beim Brustkrebs oder beim Prostatakrebs. Darmkrebs entsteht aus Adenomen. Diese sind im Darm lange vor dem Auftreten von Darmkrebs sichtbar. Das ist eine einmalige Chance, die es so bei keiner anderen Krebsart gibt. Wenn man die Adenome entfernt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu sterben, drastisch.

Mittlerweile sind weitere Studien publiziert worden, welche den Nutzen der Darmspiegelung klar belegen. Medizinisch ist der Fall klar. Neuere Studien zeigen auch, dass die weit verbreiteten Befürchtungen vor Komplikationen unbegründet sind. Die Komplikationsraten liegen im Promille-Bereich. Probleme gibt es am ehesten bei der Abtragung von Adenomen. Je grösser das Adenom, desto grösser das Risiko der Perforation. Die grossen Adenome haben gleichzeitig aber auch das grösste Risiko, Darmkrebs zu entwickeln. Die grosse Masse der kleinen bis mittleren Adenome sind völlig unproblematisch bei der Abtragung.

Über die Vorbereitung zur Darmspiegelung kursieren auch diverse Horror-Geschichten. Dabei sind die heute verfügbaren, modernen Methoden viel angenehmer als früher. Leider gibt es immer noch Spitäler, bei denen z.B. 3 Liter unangenehm schmeckende Flüssigkeit getrunken werden muss. Das ist unnötig und schreckt die Leute ab.

Wer es schon selber erlebt hat, weiss, dass die Untersuchung ein Klacks ist. Man bekommt überhaupt nichts mit, weil man dabei schläft. Man hat keine Schmerzen. Man wacht anschliessend auf und fragt sich: War das schon alles? Auch die Abtragung von Polypen spürt man nicht. Der Darm selber ist unempfindlich für Schmerzen.

Wer sich nicht zur Darmspiegelung durchringen kann, sollte wenigstens ein Mal pro Jahr den neuen, immunologischen Stuhltest (FIT) machen. Der ist wirklich einfach und billig. Allerdings muss bei einem positiven Test-Ergebnis dann eben doch eine Darmspiegelung gemacht werden. In der Regel sind die Leute, die einen positiven FIT erhalten haben, jedoch genug motiviert, um die Darmspiegelung zu machen. Das Problem ist, dass der FIT zwar bis zu 80% der Tumore erkennt, aber bloss 35% der fortgeschrittenen Adenome. Wenn der FIT jedes Jahr wiederholt wird, erhöht das aber die Chance, einen verpassten Tumor oder ein verpasstes fortgeschrittenes Adenom später doch noch zu erwischen.

Meine Mama hatte Respekt vor der Darmspiegelung. Eine Person aus ihrem Bekanntenkreis hatte sie sogar explizit davor gewarnt. Die Warnung begründete in der Geschichte einer Perforation, die vor Jahrzehnten bei einer Darmspiegelung passiert war. Das war wohl nicht der einzige Grund, warum meine Mama nicht zur Vorsorge gegangen ist. Dazu beigetragen hat es aber sicherlich. Im Nachhinein betrachtet ist der Fall natürlich klar. Leider ist das den Meisten nach wie vor nicht klar. Viele Leute wollen sich nach wie vor nicht mit dem Thema befassen. Selbst diejenigen nicht, welche nun die Fakten und die Geschichte meiner Mama kennen. Manche haben deswegen sogar den Kontakt zu uns abgebrochen. Das ist allerdings ihr Problem, nicht unseres.