Wer ist Schuld?

Man glaubt es kaum, aber mein Vater verbreitete die Behauptung, ich sei «mitschuldig am Tod» unserer Mama1. Das ist schon einigermassen starker Tobak.

Es stimmt allerdings, dass ich sehr bedauere, das Thema Darmkrebs-Vorsorge nicht schon längst eingehend studiert zu haben. Mit dem Verständnis, das ich heute habe, hätte ich unserer Mama sicher die Koloskopie nahe gelegt. Ob sie es dann auch gemacht hätte, ist eine andere Frage.

Nach dem Tod unserer Mama habe ich mich sehr eingehend mit dem Thema beschäftigt und auch mit diversen Leuten darüber geredet oder diese angeschrieben. Die wissenschaftliche Evidenz ist eigentlich erdrückend: Mit der Koloskopie kann man Polypen – Vorstufen von Darmkrebs – entdecken und sicher entfernen, was stark präventiv wirkt. Alternativ kann man auch – zu Hause! – den FIT Test machen. Der bringt auch viel und ist zudem äusserst günstig.

Die Koloskopie ist nicht ganz billig und unerwünschte Nebenwirkungen sind möglich, aber eben selten. Meiner Meinung nach lohnt es sich, ab 50 eine vorsorgliche Koloskopie zu machen und dieses Risiko einzugehen. Viele Leute, mit denen ich geredet habe, wollen das aber trotzdem nicht. Auch Leute, die unsere Mama gut gekannt haben und uns ihr Beileid ausgedrückt haben.

Ich habe teilweise abenteuerliche Begründungen gehört: Eine Person ist z.B. der Ansicht, Darmkrebs werde durch das Konsumieren von Fleisch ausgelöst. Andere denken, Krebs werde halt durch Stress ausgelöst. Mit dem ganzen Scheidungs- und Rentenknatsch, den meine Mama hatte, passt das natürlich bestens. Wissenschaftlich ist das als Erklärung nicht haltbar. Aber praktisch, um sich selber zu beruhigen.

Das Verdrängen und sich-selber-Belügen ist weit verbreitet. Krebs, Darm und Fäkalien: Wer will sich schon mit so einem Thema befassen. Und bei der Koloskopie muss man sich auch noch vom Arzt einen Schlauch mit Kamera in den Hintern schieben lassen! Unmöglich! Ist das wirklich nötig? Die Grossmutter X und der Herr Y haben das doch auch nicht gemacht und wurden über 90!

Die Leute klammern sich an „Erfolgsgeschichten“. „Bei uns ist das in der Familie noch nie vorgekommen!“ ist eine beliebte Ausrede.

Schön! Das war bei unserer Mama auch so! Und es ist in 75% aller Fälle von Darmkrebs so! Toll!

Ausreden ohne Ende. Und wenn es wieder passiert, kommt das grosse Bedauern.

Eine Empfehlung eines Arztes oder einer Ärztin wäre eine starke Motivation. Der ehemalige Hausarzt unserer Mama hat das Thema aber von sich aus nicht angeschnitten. Auch bei mir nicht. Als ich ihn nach dem Tod unserer Mama darauf angesprochen habe, meinte er, er spreche nur darüber, wenn die Leute etwas über Vorsorge wissen wollen. Unsere Mama hat mit 70 bei ihm einen Vorsorge-Check machen lassen. Das war 2006. In der Schweiz war damals die Darmkrebs-Vorsorge noch nicht so bekannt. Es war damals schlicht kein Thema.

2013, als die Koloskopie zum Darmkrebs-Screening in der Schweiz kassenpflichtig wurde, war unsere Mama schon 77. In den USA wird das reguläre Darmkrebs-Screening bis zum Alter von 75 Jahren empfohlen. Danach soll man individuell entscheiden. 2013 war unsere Mama – abgesehen von einer schweren Augen-Erkrankung – noch top-fit. Wenn sie sich getraut hätte und uns der Stellenwert der Koloskopie bewusst gewesen wäre, hätte sie 2013 ohne weiteres noch eine erstmalige Koloskopie machen können. Dann hätte sie noch eine Chance gehabt.

Das Thema Koloskopie war uns nicht völlig unbekannt. Aber wir hatten die Sache falsch eingeschätzt. Nicht geraucht, kein Übergewicht, kaum Alkohol getrunken und kein Darmkrebs in der Familie.

Wir hatten nicht den Eindruck, unsere Mama habe ein besonderes Risiko. Den Einfluss des Alters als Risiko-Faktor hatten wir krass unterschätzt. Die Zahlen mit den absoluten Risiken waren uns nicht bewusst.

Andererseits hatte unsere Mama eine Person in ihrem erweiterten Umfeld, die sie explizit vor der Koloskopie gewarnt hatte. Ich gebe dieser Person keine Schuld. Sie hatte einen Fall zitiert, bei dem ein Patient bei einer Koloskopie eine Perforation erlitten hatte. Das war allerdings schon mehrere Jahrzehnte her. Die Geschichte hat als Ausrede aber gut funktioniert („Mach das bloss nicht!“).

Leider bietet auch die Koloskopie keine 100% Garantie, dass man nicht doch Darmkrebs bekommt. Die Reduktion der Inzidenz und Mortalität ist allerdings schon beachtlich.

Von anderen Leuten hatte unsere Mama auch Geschichten über die Vorbereitung zur Koloskopie gehört. Man müsse drei Liter übel schmeckender Flüssigkeit trinken und die ganze Nacht auf dem WC sitzen.

Nun, sie hat es dann eben 14 Tage vor ihrem Tod, als sie schon sehr geschwächt war, trotzdem tapfer auf sich genommen und noch eine Koloskopie machen lassen. Der Onkologe hatte das empfohlen. Ich hatte sie begleitet. Das Ergebnis war dann wie erwartet: Zökum-Karzinom mit Ablegern in der Lunge und der Leber. Nicht mehr heilbar. Brutal.

Für Gesunde ist so eine Koloskopie ein Klacks. Ich habe es 2 Monate nach dem Tod unserer Mama selber gemacht. Die Drei-Liter-Methode ist allerdings unnötig. Ich habe meine Koloskopie an einem anderen Ort machen lassen. Dort musste ich zur Vorbereitung bloss 2 x 0.3 Liter Abführmittel trinken. Und dieses war sehr gut trinkbar. Die anschliessende Rennerei auf’s WC war nicht der Rede wert. Die Schauermärchen sind ein Witz.

Direkt nach meiner Koloskopie habe ich – in Anwesenheit der Assistentin des Arztes – noch auf der Untersuchungs-Liege bitter geheult. Die Sache ist dermassen ein Klacks. Das Theater, das darum gemacht wird, ist einfach unglaublich.

Unsere Mama hätte das gut machen können.

Eine Bitte an alle, die es aus lauter Angst nicht machen wollen: Ratet den anderen bitte nicht davon ab. Wenn ihr es für euch selber nicht machen wollt, dann lasst es eben. Aber gebt bitte nicht auch noch Warnungen an andere ab. Danke.


  1. Beweis: Siehe Beilage 5 der Strafanzeige vom 28. Mai 2019 meines Vaters gegen mich, welche wegen Rückzug der Anzeige nicht an die Hand genommen wurde (Verfügung vom 10. September 2019 der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau).