Warum gehen die Leute nicht zur Vorsorge?

Wer selber schon einen geliebten Menschen wegen Darmkrebs verloren hat, wird sich sicherlich die Frage stellen: Warum gehen so wenig Leute zur Darmkrebs-Vorsorge?

In der Schweiz gehen gemäss Schätzungen von Experten nach wie vor ungefähr 80% der über 50-Jährigen nicht zur Darmspiegelung. In Deutschland ist es schon etwas besser, aber auch noch nicht berauschend. Spitzenreiter sind die USA, dort beteiligen sich über 60% der Leute an Darmkrebs-Screening-Programmen. Darmkrebs wird dort auch prominent in den Medien thematisiert, während das Thema von den Medien hierzulande äusserst stiefmütterlich behandelt wird.


Die Darmspiegelung hat hierzulande und auch in Deutschland einen schweren Stand. Dies völlig zu Unrecht. Geradezu exemplarisch ist dieser unsinnig kritische Beitrag des SWR aus dem Jahr 2014.


Das wirkt abschreckend und weckt Zweifel. Viele Vorbehalte rühren auch von anderen Vorsorge-Untersuchungen her. Dabei ist die Faktenlage beim Darmkrebs eine ganz andere, als zum Beispiel beim Brustkrebs oder beim Prostatakrebs. Darmkrebs entsteht aus Adenomen. Diese sind im Darm lange vor dem Auftreten von Darmkrebs sichtbar. Das ist eine einmalige Chance, die es so bei keiner anderen Krebsart gibt. Wenn man die Adenome entfernt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu sterben, drastisch.

Mittlerweile sind weitere Studien publiziert worden, welche den Nutzen der Darmspiegelung klar belegen. Medizinisch ist der Fall klar. Neuere Studien zeigen auch, dass die weit verbreiteten Befürchtungen vor Komplikationen unbegründet sind. Die Komplikationsraten liegen im Promille-Bereich. Probleme gibt es am ehesten bei der Abtragung von Adenomen. Je grösser das Adenom, desto grösser das Risiko der Perforation. Die grossen Adenome haben gleichzeitig aber auch das grösste Risiko, Darmkrebs zu entwickeln. Die grosse Masse der kleinen bis mittleren Adenome sind völlig unproblematisch bei der Abtragung.

Über die Vorbereitung zur Darmspiegelung kursieren auch diverse Horror-Geschichten. Dabei sind die heute verfügbaren, modernen Methoden viel angenehmer als früher. Leider gibt es immer noch Spitäler, bei denen z.B. 3 Liter unangenehm schmeckende Flüssigkeit getrunken werden muss. Das ist unnötig und schreckt die Leute ab.

Wer es schon selber erlebt hat, weiss, dass die Untersuchung ein Klacks ist. Man bekommt überhaupt nichts mit, weil man dabei schläft. Man hat keine Schmerzen. Man wacht anschliessend auf und fragt sich: War das schon alles? Auch die Abtragung von Polypen spürt man nicht. Der Darm selber ist unempfindlich für Schmerzen.

Wer sich nicht zur Darmspiegelung durchringen kann, sollte wenigstens ein Mal pro Jahr den neuen, immunologischen Stuhltest (FIT) machen. Der ist wirklich einfach und billig. Allerdings muss bei einem positiven Test-Ergebnis dann eben doch eine Darmspiegelung gemacht werden. In der Regel sind die Leute, die einen positiven FIT erhalten haben, jedoch genug motiviert, um die Darmspiegelung zu machen. Das Problem ist, dass der FIT zwar bis zu 80% der Tumore erkennt, aber bloss 35% der fortgeschrittenen Adenome. Wenn der FIT jedes Jahr wiederholt wird, erhöht das aber die Chance, einen verpassten Tumor oder ein verpasstes fortgeschrittenes Adenom später doch noch zu erwischen.

Meine Mama hatte Respekt vor der Darmspiegelung. Eine Person aus ihrem Bekanntenkreis hatte sie sogar explizit davor gewarnt. Die Warnung begründete in der Geschichte einer Perforation, die vor Jahrzehnten bei einer Darmspiegelung passiert war. Das war wohl nicht der einzige Grund, warum meine Mama nicht zur Vorsorge gegangen ist. Dazu beigetragen hat es aber sicherlich. Im Nachhinein betrachtet ist der Fall natürlich klar. Leider ist das den Meisten nach wie vor nicht klar. Viele Leute wollen sich nach wie vor nicht mit dem Thema befassen. Selbst diejenigen nicht, welche nun die Fakten und die Geschichte meiner Mama kennen. Manche haben deswegen sogar den Kontakt zu uns abgebrochen. Das ist allerdings ihr Problem, nicht unseres.

Ein Jahr danach

Heute vor einem Jahr erhielten wir die Krebs-Diagnose unserer Mama. Ich war mit ihr beim Arzt dabei. Am 5. März 2018 wurde dann bestätigt, dass es sich um Darmkrebs handelt. Was für ein Schock! Metastasen in der Leber und der Lunge. Sie hatte keine Chance mehr. Sie starb 41 Tage nach der Diagnose bei uns zu Hause mit Exit. Leider hatte sie da schon starke Schmerzen. Aber den unbändigen Willen, diesen selber ein Ende zu setzen.

Ich bin ein unglaublicher Idiot.

Darmkrebs ist mit Vorsorge gut vermeidbar. Die beste Methode ist die Darmspiegelung, weil damit nicht bloss bereits vorhandener Krebs frühzeitig gefunden, sondern auch Vorstufen (Polypen) beseitigt werden können, bevor daraus Krebs entstehen kann. Mit 50 haben 25-30% der Leute adenomatöse Polypen. Bei der Darmspiegelung kann es selten Komplikationen geben, die sind aber in der Regel sehr gut beherrschbar und kein Vergleich zum Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Darmkrebs kriegen auch schlanke Frauen, die nicht rauchen, wenig Fleisch essen, kaum Alkohol trinken und keine Verwandten mit Darmkrebs in der Familie haben. So wie bei meiner Mama.

75% aller Fälle von Darmkrebs treten spontan auf, das heisst zum ersten Mal in der Familie.

Leider bin ich erst 2 Monate nach dem Tod meiner Mama im Alter von 53 Jahren (anstatt wie empfohlen mit 50) endlich zur Darmspiegelung gegangen (3 Adenome wurden entfernt). Wenn ich mit 50 hingegangen wäre, hätte ich meiner Mama erzählen können, was für ein Klacks die Untersuchung ist.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Macht es besser als wir. Ich wünsche allen, dass Ihr es nicht auf die harte Tour lernen müsst, wie mein Bruder und ich. Wir haben es nun begriffen.

Rückgang von Darmkrebs in Deutschland

Seit dem Jahr 2002 gibt es in Deutschland das gesetzliche Programm zur Vorsorge gegen Darmkrebs. Hermann Brenner und seine Kollegen haben gemäss einem Artikel im Ärzteblatt von 2016 die Veränderung der Inzidenz und der Mortalität von Darmkrebs in Deutschland über den Zeitraum von 10 Jahren nach Einführung des Programms untersucht.

Fazit: Nach zuvor jahrzehntelangem Anstieg ist die Inzidenz in den Altersgruppen ab 55 Jahren um 17–26% zurückgegangen.

Während die Darmkrebsmortalität schon seit circa 30 Jahren tendenziell rückläufig ist, hat der Rückgang der Inzidenz erst in den letzten 10 Jahren eingesetzt. Der stärkere Rückgang der Inzidenz bei Frauen im Vergleich zu Männern in den Altersgruppen 55–64 und 65–74 steht im Einklang mit höheren Teilnahmeraten der Frauen an der Vorsorgekoloskopie in diesen Altersgruppen.

Die beobachteten epidemiologischen Muster sprechen dafür, dass die Vorsorge­koloskopie wesentlich zur Verhütung von Darmkrebs in Deutschland beiträgt. Langfristig wurden circa 180’000 Darmkrebsfälle verhindert.

Referenz: Dtsch Arztebl Int 2016; 113(7): 101-6; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0101

Hirschhausen bei der Darm­spiegelung

In der Sendung „Hirschhausens Quiz des Menschen“ vom 22.9.2018 liess sich Eckart von Hirschhausen (der selber Arzt ist) bei der Darmspiegelung filmen. Das Video ist noch bis zum 22.9.2019 verfügbar.

Dazu gibt es noch ein Video des Interview mit den Experten Professor Strassburg und Dr. Hüneburg von der Uniklinik Bonn (bis 22.9.2019 verfügbar).


Dabei gab es ein Gespräch mit Jörg Fischer, der schon mit 30 an Stuhl­unregel­mässig­keiten litt und seine Symptome zunächst ignorierte. Ein Artikel über die Felix Burda Stiftung, den er damals sah, bewegte ihn dann dazu, zum Arzt zu gehen. Der Darmkrebs wurde dann noch rechtzeitig gefunden.