Das Rentenalter der Frauen beim BVG

Man würde eigentlich annehmen, die Frage, welches Rentenalter denn nun bei den Pensionskassen für Frauen gilt, müsste einfach zu beantworten sein. Ist es aber leider nicht.

Zunächst gibt es ein Gesetz: Das „Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge“, abgekürzt „BVG“. Dieses Gesetz legt Mindestvorschriften fest, die Pensionskassen erfüllen müssen (Artikel 6 BVG).

Die Vorsorgeeinrichtungen (umgangssprachlich „Pensionskassen“) sind im Rahmen dieses Gesetzes in der Gestaltung ihrer Leistungen, in deren Finanzierung und in ihrer Organisation frei (Artikel 49 Absatz 1 BVG).

Gewährt eine Vorsorgeeinrichtung mehr als die Mindestleistungen, so gilt für die weiter gehende Vorsorge nur ein beschränkter Teil der Vorschriften dieses Gesetzes (Aufzählung in Artikel 49 Absatz 2 BVG).

Laut dem Text dieses Gesetzes haben Frauen, die das 62. Altersjahr zurückgelegt haben, Anspruch auf Altersleistungen (Artikel 13 Absatz 1 Buchstabe b). So einfach ist es aber nicht!

Denn dazu gibt es auch noch eine Übergangsbestimmung zur Änderung vom 3. Oktober 2003 (1. BVG-Revision) am Ende des Gesetzes. Der Bundesrat wird dort in Buchstabe e ermächtigt, zur Koordination mit der 11. AHV-Revision das Rentenalter der Frauen dem Rentenalter bei der AHV anzupassen. Bekanntlich ist die 11. AHV-Revision bisher mehrfach gescheitert. Der Bundesrat hat aber gleichwohl das Rentenalter der Frauen im BVG dem Rentenalter der AHV angleichen dürfen.

Das ordentliche Rentenalter der Frauen im AHVG gilt nun also auch als ordentliches BVG-Rentenalter der Frauen (Artikel 62 Absatz 1 der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge [BVV 2]).

Anspruch auf eine Altersrente der AHV haben Frauen, welche das 64. Altersjahr vollendet haben (Artikel 21 AHVG).

Das ist aber immer noch nicht das Ende der Geschichte. Denn nun kommt auch noch das Anrechnungsprinzip zum Zug.

Nach den Mindestvorschriften des BVG ist der Beitrag an das Altersguthaben im Alter von 25-34: 7%, von 35-44: 10%, von 45-54: 15%, und im Alter von 55-65: 18% des koordinierten Lohnes (Artikel 16 BVG). Der koordinierte Lohn ist der Teil des Jahreslohnes von 24’675 bis und mit 84’600 Franken (Artikel 8 BVG).

Eine bekannte, grosse Pensionskasse hat nun aber in ihrem Reglement festgelegt, dass das ordentliche Rentenalter 65 Jahre betrage. Für Männer und Frauen. Diese Kasse zieht für die Berechnung der Beiträge vom Lohn auch einen Koordinationsabzug ab und bestimmt vom Rest die Beiträge abhängig vom Alter wie folgt: 20-24: 6%, 25-34: 13.5%, 35-39: 17.5%, 40-44: 19.5%, 45-49: 21.5%, 50-54: 23.5%, 55-65: 25.5%. Die Kasse spart also für ihre Versicherten planmässig mehr an, als was das BVG fordert.

Wenn nun eine bei dieser Kasse versicherte Frau sich mit 64 Jahren pensionieren will, kann sie das. Sie erhält dann gemäss Reglement der Kasse eine reduzierte Rente, weil sie sich vor dem reglementarischen Rentenalter pensionieren lassen will. Die Höhe der Rente richtet sich also zunächst nach dem Reglement der Kasse. Ist die so berechnete Höhe der Rente höher, als die nach dem Gesetz berechnete Rente, bleibt es dabei. Andernfalls erhält die Frau die nach dem Gesetz berechnete Rente. Bei dieser zweiten Berechnung (der sogenannten „Schatten­rechnung“) werden aber nur die nach den Mindestvorschriften des Gesetzes angesparten Beiträge berücksichtigt (sog. BVG-Obligatorium). Das nach dem BVG angesammelte Altersguthaben ist so im Normalfall kleiner, als das reglementarische Altersguthaben. Die Kasse kann so in ihrem Reglement ein höheres ordentliches Rentenalter festlegen, als das Gesetz fordert. Solche Kassen werden umhüllende Kassen genannt.

Fazit: Das Gesetz (BVG) hat unter Umständen nur einen sehr beschränkten Einfluss.

(erstellt am 6.10.2017)