Die Sache mit der Familien­geschichte

75% der Fälle von Darmkrebs sind spontan, d.h. keiner in der Familie hatte vorher Darmkrebs. Bei 25% der Fälle ist Darmkrebs in der Familie schon vorgekommen. 10% aller Erwachsenen hatten schon Darmkrebs in der Familie. Das ist erstaunlich viel.

Das absolute Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, steigt mit dem Alter an. Ab 50 Jahren ist der Anstieg markant. Deshalb sollten Leute mit durchschnittlichem Risiko auch spätestens ab 50 die Vorsorge machen.

Eine im Jahr 1994 publizierte Studie („A Prospective Study of Family History and the Risk of Colorectal Cancer“, Fuchs et al.) hat gezeigt, dass das relative Risiko, das mit einem erstgradig Verwandten mit Darmkrebs einhergeht, speziell bei jungen Leuten hoch ist und dann mit steigendem Alter des betreffenden abnimmt. Im Alter von 70 Jahren ist dieses relative Risiko nahezu 1.0, d.h. ob jemand mit 70 schon Darmkrebs in der Familie hatte oder nicht, spielt praktisch keine Rolle mehr.

Mit 70 ist aber das absolute Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, schon sehr hoch. Wer in diesem Alter die Vorsorge immer noch nicht gemacht hat, setzt sich diesem voll aus.

Das relative Risiko ist auch erhöht, wenn ein erstgradig Verwandter ein fortgeschrittenes Adenom hatte. Adenome gelten unter anderem dann als fortgeschritten, wenn sie 1 cm oder grösser sind.

Im Jahr 2013 habe ich erfahren, dass bei meinem Vater im selben Jahr Polypen gefunden wurden. Damals war ich 48 Jahre alt.

2018 starb meine Mutter im Alter von 81 Jahren wegen Darmkrebs. 41 Tage nach der Diagnose. Sie war nie zur Vorsorge gegangen. Leider hatten wir sie nicht dazu ermuntert. Uns war nicht bewusst, wie hoch das Darmkrebs-Risiko ist. Uns war auch nicht klar, dass Komplikationen bei Darmspiegelungen heutzutage sehr selten sind (Perforation: 4/10’000, Blutung: 8/10’000).

Erst nach dem Tod meiner Mutter wurde ich darüber informiert, dass einer der Polypen, der 2013 bei meinem Vater diagnostiziert wurde, ein fortgeschrittenes Adenom war.

Mein Vater war bei seiner Diagnose älter als 60. Gemäss den US-Richtlinien der MSTF hätte ich im Jahr 2013 mit 48 Jahren zum ersten Mal die Darmkrebs-Vorsorge machen sollen. Als Verfahren wären damals der FIT Test oder die Darmspiegelung zulässig gewesen.
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Ich hatte dies nicht gewusst! Wenn bei einer Koloskopie fortgeschrittene Adenome gefunden werden, sollten die Mitglieder der Familie unbedingt informiert werden, damit sie dies bei der eigenen Vorsorge berücksichtigen können.

Mein Bruder wusste es auch nicht. Er hätte damals mit 45 mit der Vorsorge beginnen sollen (FIT oder Koloskopie).

Im Jahr 2018 wussten mein Bruder und ich dann also, dass wir eine erstgradig Verwandte mit Darmkrebs hatten und einen weiteren erstgradig Verwandten mit fortgeschrittenem Adenom. Gemäss den US-Richtlinien folgt daraus, dass für uns nur noch die Koloskopie in Frage kommt. Wir müssen diese alle 5 Jahre machen.

Ich bin leider erst mit 53, zwei Monate nach dem Tod meiner Mutter, zur Koloskopie gegangen. Dabei wurden 3 Adenome gefunden und entfernt. Gemäss Bericht war eines 1 cm gross, also fortgeschritten. Kurz danach ist auch mein Bruder zur Darmspiegelung gegangen. Er hatte bloss zwei kleine Adenome. Unsere Adenome waren alle „Low-Grade“.

Wenn ich mich eingehend mit der Materie befasst hätte und ich schon 2013 umfassend informiert worden wäre, hätte ich nicht bloss selber die Vorsorge gemacht, sondern hätte wohl auch meiner Mutter die Vorsorge nahe gelegt. Sie hat nicht einmal den FIT Test gemacht.

Wissen kann Leben retten.

FIT – ein günstiger Test aus der Apotheke

In der Schweiz kann man in vielen Apotheken zur Vorsorge gegen Darmkrebs einen FIT-Test (Fecal Immunochemical Test) kaufen. Dieser Test wird im Rahmen der Kampagne nein-zu-darmkrebs.ch angeboten und kostet 30 Franken (Stand April 2019).

Man kann den Test nur für sich selber kaufen, da die Apothekerin oder der Apotheker bei der Abgabe noch ein paar Fragen stellen muss. Der Test ist für Leute ab 50 Jahren mit durchschnittlichem Risiko geeignet.

Sind in der Familie bereits Darmkrebs-Erkrankungen oder fortgeschrittene Vorstufen vorgekommen, sollte man direkt zur Darmspiegelung gehen (mit 40 oder 10 Jahre vor dem ersten Auftreten in der Familie).

Zusammen mit dem Test wird auch eine Anleitung und ein stabiles, frankiertes Couvert für den Versand abgegeben.

Der Test kann sehr einfach zu Hause gemacht werden. Die verschlossene Probe wird an ein Labor zur Analyse eingeschickt. Für die Analyse fallen keine zusätzlichen Kosten an. Das Ergebnis des Tests kann man nach ca. 1 Woche wieder in der Apotheke abholen.

FIT-Tests erkennen bei einmaliger Anwendung bis zu 35% der fortgeschrittenen Adenome (Vorstufen) und 80% der Tumore. Die Erkennung wird durch regelmässige Wiederholung deutlich verbessert (mindestens alle zwei Jahre, besser jährlich). Nur bei positivem Ergebnis (=Blut im Stuhl) muss zur weiteren Abklärung eine Darmspiegelung gemacht werden.

Darmkrebs macht sehr lange keinerlei Symptome, ist aber gut vermeidbar. Deshalb ist die Vorsorge sehr wichtig.

«Dank dem Test lebe ich»

Antonio Jofre war in das Walnut-Creek-Zentrum gegangen, um sich gegen Grippe impfen zu lassen. Die Praxis-Assistentin, welche ihm die Spritze verabreichte, stellte fest, dass Jofre kürzlich 50 Jahre alt geworden war. Sie gab ihm deshalb einen FIT-Test mit, der in der Lage ist, verstecktes Blut im Stuhl anzuzeigen. Sie sagte ihm, der Test könne sehr einfach zu Hause gemacht werden.

Der Test zeigte tatsächlich Blut im Stuhl von Jofre an. Jofre liess deshalb eine Koloskopie machen. Dabei wurde Darmkrebs entdeckt! Ein paar Wochen nach seiner Grippe-Impfung wurde der Tumor chirurgisch entfernt und Jofre erhielt Chemotherapie.

„Dank dem FIT-Test geht es mir bestens. Ich lebe ein normales Leben und werde in der Lage sein, mit meiner Frau zusammen alt zu werden und ich kann meine Kinder aufwachsen sehen“, sagte Jofre.

Kaiser Permanente ist eine grosse Amerikanische Krankenkasse. Mitglieder über 50 erhalten jedes Jahr den FIT-Test zur Vorsorge gegen Darmkrebs. Mehr als 830’000 Mitglieder von Kaiser Permanente in Nord-Kalifornien machen regelmässig beim Darmkrebs-Screening mit. Das Labor von Kaiser Permanente in East Bay verarbeitet jeden Tag 3’000 per Post eingeschickte FIT-Tests.

Kaiser Permanente folgt den Empfehlungen der U.S. Preventive Services Task Force, welche für Erwachsene ab 50 mit durchschnittlichem Darmkrebs-Risiko entweder alle 10 Jahre eine Koloskopie oder jährlich den FIT-Test vorsehen.

Darmkrebs macht am Anfang keinerlei Symptome, deshalb ist das Screening wichtig. Mit der einmaligen Anwendung des FIT-Test können im Vergleich zur Koloskopie bis zu 80% der Tumore und 35% der fortgeschrittenen Adenome (Vorstufen von Krebs) erkannt werden. Der Effekt des FIT-Tests verbessert sich mit der regelmässigen Wiederholung. Der Test ist günstig und einfach anzuwenden. Nur bei einem positiven Ergebnis (Blut im Stuhl) muss anschliessend eine Koloskopie durchgeführt werden.

Darmkrebs Video

Dr. Mark B. Pochapin zeigt in diesem Video, wie Darmkrebs aussieht:


Bei der Koloskopie (Darmspiegelung) wird der Dickdarm mit dem Endoskop untersucht. Der Arzt schiebt dazu das Endoskop bis zum Blinddarm (Zökum) vor und zieht es dann langsam zurück. Dabei untersucht er die Schleimhaut des Dickdarms und des Rektum. Das Video zeigt, wie ein Tumor aussieht.

Solche Tumoren bluten oft leicht. Mit dem FIT Test kann man das Blut im Stuhl nachweisen, auch wenn es von blossem Auge nicht sichtbar ist.

Der bösartige Tumor im Video entstand aus einem gutartigen Polypen. Diesen Polypen hätte man einige Jahre vorher mit einer Koloskopie auffinden und entfernen können.

So kann man mit der Koloskopie die Entstehung von Darmkrebs verhindern.